| „Macht keine fiesen Matenten!“ ruft meine Mutter, als ich mir die Jacke anziehe. Hendrik sagt, wir gehen zum Spielplatz. Ich schlage die Tür zu, wir hüpfen die Treppe hinab. Hinaus in die kleine Gartenzaunwelt. Auf dem schmalen Weg, der uns zur Straße führt, passieren wir die mit Gardinen behangenen Fenster. Eingerahmt vom Roten Klinker erahne ich die Blicke der Nachbarn. Ich weiß, dass sie aufpassen. Ich weiß, dass sie sich insgeheim wünschen, es möge etwas passieren. Ein Sturz vom Fahrrad, ein aufgeschlagenes Knie, vielleicht auch eine kaputte Fensterscheibe. Es passiert nichts. Hendrik sagt, Frau Wriede ist eine alte Hexe. Die lächelt so merkwürdig mit ihrer Warze auf der Nase. Frau Wriede wohnt im letzten Haus vor der Straße, am Ende der Wohnanlage. Genau vor den Stufen über die Hendrik, ich und das seltsame Mädchen aus dem fünften Haus mit unseren Fahrrädern die Stufen runterbrettern, wenn wir zur Schule fahren. Wir dürfen das nicht. Wir sollen absteigen sagen die Leute. Einige der Stufen haben schon ausgeschlagene Kanten. Wir sind die einzigen Kinder hier. Das seltsame Mädchen hat wie immer Angst vor uns. Ihre rosafarbene Radlerhose leuchtet uns schon entgegen. Sie kommt von der Bushaltestelle auf uns zu. Den Blick zum Boden gerichtet. Irgendwo unter ihren langen fransigen Haaren, die ihr ins Gesicht hängen. Hendrik grinst mich an. Er wird gleich wieder einen Spruch bringen. Hendrik hat eine große, vorlaute Klappe. Manchmal schäme ich mich mit ihm zu sein. Auch, weil seine Eltern die Außenseiter in der Wohnanlage sind. Sie kaufen ihm alles und kümmern sich doch nicht um ihn. Mit ihren roten Gesichtern, vom Alkohol aufgequollen, sehen sie aus wie zu groß geratene Gartenzwerge. Nur die Zipfelmützen haben sie abgenommen. Mama sagt, Frau Reyer kann nur noch Putzen gehen, so kaputt ist die schon. Ich tue so, als höre ich es nicht. Und der Vater erst, sagt sie. Kein gutes Beispiel. Ein großer Journalist hätte der sein können. Aber in dem Zustand lassen sie ihn im Verlag nicht mehr in die erste Reihe. Ich nehme die Hände von den Ohren und frage sie, woher sie das weiß. Sie sagt, sie hat einmal seinen Namen im Impressum einer Frauenzeitschrift entdeckt. Das seltsame Mädchen würdigt uns keines Blickes. Ihr Körper wirkt angespannt, wie bei einer zum Sprung bereiten Katze. Katzenmädchen denke ich mir, als Hendrik besonders laut sagt, dass man langsam ihre Brüste unter dem T-Shirt erkennen kann. Das Mädchen geht etwas schneller, ich werde rot und Hendrik lacht laut und dreht sich noch mal um. Und lacht, als hätte er Spaß daran, mich zum erröten zu bringen. Wir erreichen den kleinen Tabakladen. Hendrik sagt, wir wollen ein Feuerzeug kaufen. Ich finde die Idee dumm und sage, dass ich kein Geld dabei habe. Die geben uns doch sowieso keines! Hendrik lacht und sagt, lass mich nur machen. Die Glocke bimmelt unangenehm laut, als wir die Ladentür öffnen. Der Kioskbesitzer verkauft gerade einer älteren Dame ein paar Zeitschriften. Hendrik ist das egal. Er fragt einfach dazwischen, ob wir ein Feuerzeug haben können. Der Kioskbesitzer schüttelt den Kopf. Sichtlich verärgert über die Unhöflichkeit, einfach so das Verkaufsgespräch zu stören murmelt er, da könne ja jeder kommen und Feuer machen. Wir beide wären dafür noch viel zu jung. Die alte Dame lächelt. Sie sagt dem Mann hinter der Ladentheke er soll nicht so unfreundlich sein. Es sind doch noch Kinder. Sie rollt ihre Zeitschriften zusammen und sagt, wir sollen warten während sie die Zeitungen in ihren Ziehwagen stopft. Draußen wühlt sie in ihrer Manteltasche. Sie zieht ein kleines, weißes Feuerzeug daraus hervor und gibt es Hendrik. Ich war auch mal jung sagt sie. Einmal habe ich sogar eine Scheune voller Stroh abgefackelt. Sie lacht. Hendrik lacht auch und bedankt sich artig. Ich stehe daneben und bin enttäuscht. Ich weiß, dass der Ärger jetzt wieder anfängt. Als wir den Wald erreichen, habe ich ein mulmiges Gefühl. Die ersten Blätter grünen an den Bäumen. Ich schwitze unter meiner Jacke. Das Wetter kann sich nicht entscheiden, ob es warm oder kalt sein will, denke ich. An der letzten Kreuzung der Waldstraße sehen wir eine große alte Notrufsäule. Sie ist blau bemalt und ich lese in großen Lettern das Wort POLIZEI darauf. Lass uns weitergehen sage ich zu Hendrik. Aber der hat schon die große schwere Klappe angehoben und ich höre eine laute Stimme, die fragend „Hallo, Polizei Hamburg, Hallo“ sagt. Ich erstarre zu Salz. Fühle mich, als würde ich träumen. Hendrik hat es tatsächlich getan. Wir kriegen jetzt riesigen Ärger sage ich zu Hendrik und meine Knie beginnen augenblicklich zu zittern. Hendrik lacht und sagt, das es schon nicht so schlimm sei, der Polizei mal einen Gruß auszurichten. Kurze Zeit später sehe ich ein Polizeiauto die Waldstraße hinunterschleichen. Langsam, ganz langsam fährt es auf uns zu. Was machen wir jetzt frage ich Hendrik. Ich habe Mühe, meine Panik zu unterdrücken. Reiß dich zusammen sagt Hendrik. Und ich denke mir, dass es wie so oft ein Fehler war mit ihm loszuziehen. Der Wagen kommt zum Stehen. Mein Blick fällt zuerst auf das große Blaulicht, das auf dem Dach aufgeschraubt ist. Dann sehe ich grün und weiß und das Fenster kurbelt herunter. Mit ernstem Blick schaut uns ein Schnauzbart an. Ob wir jemandem hier begegnet wären. Es sei ein Notruf abgesetzt worden und man müsse jetzt nachsehen. Wir verneinen beide mit ernsten Gesichtern und ich bemerke, wie nun auch Hendrik langsam den Ernst der Lage in den Gliedern spürt. Der Polizist fragt uns erneut, ob wir jemandem hier im Wald begegnet wären. Wir verneinen. Ich falle fast in Ohnmacht, als der Wagen sich wieder in Bewegung setzt und Richtung Notrufsäule davon fährt. Jetzt haben wir nur ein paar Minuten uns zu verstecken sage ich und beginne von der Straße, quer zwischen die Bäume zu rennen. Auf der Suche nach einem sicheren Versteck. Ich renne in gebückter Haltung, wie die Indianer im Fernsehen. Hendrik folgt mir. Endlich entdecke ich eine Mulde, die groß genug für uns beide ist. Hier sind wir erst mal sicher. Wir atmen tief durch. Ich bin den Tränen nahe, weil der Weg nach Hause noch so weit ist. Das du immer auf so dämliche Ideen kommen musst, sage ich Hendrik. Hör auf zu weinen, sagt er wütend. „Schschscht“, sage ich und halte mir den Zeigefinger vor den Mund. Wir müssen still sein! Sonst werden sie uns noch finden. In Gedanken sehe ich mehrere grünweiße Streifenwagen, die langsam die Waldstraße auf und ab fahren. Bis wir die Nerven verlieren. Irgendwo weiter östlich gibt es eine Grenze, wo sie es genau so machen. Nur das da noch Schäferhunde dabei sind - und Maschinenpistolen. Mama wird ärgerlich sein, wenn sie mich im Gefängnis besuchen muss. Die ersten Tränen schießen mir in die Augen. Hendrik kugelt sich erschöpft im Laub. "Fiese Matenten" // 2008
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